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la cité dolente / Die Stadt der Schmerzen

Das Buch

Laure Gauthier, La cité dolente,
Verlag Châtelet-Voltaire, 2015.

Der Titel wird dem Vers entnommen, der den Gesang III vom Inferno aus Dantes Göttlicher Komödie eröfnet : « Per me si va nella città dolente » / "Durch mich gelangt ihr in die Stadt der Schmerzen!"

Der Titel ist dem Anfangsvers des Dritten Gesangs von Dantes Inferno (Höllentor. Vorhölle) entlehnt: „Per me si va nella città dolente“. Der Text basiert auf einer minimalen Handlung: ein älterer Mann, ehemaliger Opernsänger, zieht sich in einem fremden Land in ein Altersheim freiwillig zurück. Um den Bildern der Stadt zu entkommen, kapselt er sich ab und versucht, im Zusammenfluss der Bilder seiner Vergangenheit und seines von ihm vorweggenommenen Todes den Sinn seiner Lebensgeschichte zu begreifen. Der Text besteht in 8 Gesängen, in denen dieser Mann seine Orientierungslosigkeit vor der Welt, die er durch die Fensterscheibe, im Speisesaal oder in den Gängen des Altersheims beobachtet, zum Ausdruck bringt. Die entlegensten Gegenden der Sprache sind auch die des Verstands. Aber die Flut der Medien, die aufsehenerregenden Fotos, die Berichte über misshandelte Kinder gefährden die Zurückgezogenheit des freiwillig „Inhaftierten“. Schließlich wird er bis zu den Toren jener Cité dolente gelangen, von der man nicht weiß, ob es sich um die von außen erblickte Stadt handelt, die er vielleicht einmal wiederfinden wird, oder um das Atersheim. Somit erweist sich das Wort „dolente“, das sowohl auf die Qualen als auch auf die Schläfrigkeit verweist, als zweideutig.

Zweisprachige Ausgabe französisch / italienisch La città dolente, Übersetzung von Gabriella Serrone, mit einem Vorwort von Bonifacio Vicenzi, Macobor editore, 2018 (collection I fiori di Macabor).

130 Seiten, 12 euros : La citta dolente

Lesungen

Zum Festival « Kultazione. La poesia Il libro La voce » Festival von italienischer Poesie ( « poesia italiana al Femminile » ) eingeladen. In Villapiana (CS) (Italien) veranstaltet. Bilinguale Lesung von « la cité dolente / la città dolente » von Laure Gauthier und Gabriella Serrone.

Siehe die Seite : Kultazione

Italie

siehe auch

24.06.2018 : Libero.it

1.07.2018 : Cinque collonne

1.07.2018 : You reporter Corriere della serra

Rezensionen

Elio Grasso, « la città dolente », pour « La dimora del tempo sospeso », 16. july 2018

Siehe die Webseite La dimora del tempo sospeso

Claudio Morandini, Diacritica, April 2018

Auszug : « Canto dopo canto, soglia dopo soglia, viene ricostruito uno spazio immaginato o sognato e intarsiato di elementi del ricordo e della contemporaneità, anche la più prosaica, e si infittiscono gli echi e i rimandi (Dante, presente sin dal titolo; il Boccaccio della peste di Firenze, il Pasolini della Religione del mio tempo già citato in esergo al Canto Primo, lo Char opportunamente individuato nella Prefazione dal curatore della collana Bonifacio Vincenzi, assieme a svariate suggestioni figurative), mentre nel corso di questo viaggio “infernale” emergono personaggi (uomini, fanciulli, toreri e ballerine, creature ibride, figure-schermo, emblemi di sconfitta e vittimismo…) intenti in azioni, percorsi, pensieri, colti in «petites apocalypses», i quali conferiscono un valore polifonico alle pagine. »
Siehe die Webseite DIACRITICA
Siehe le PDF

Claire Tencin, Poezibao, 5. März 2018

Auszug : «Die sieben Gesänge de la Cité Dolente zeichnen die Kartografie von zerstückelten, verstümmelten Körpern, konserviert im Formalin eines durchsichtigen Schweigens. Die Gewalt ist dem Leben eingeschrieben, die Hoffnung hält sich schadlos an den vergeblichen Gesten des Humors.»
Siehe die Webseite Poezibao

« Macabor pubblica il libro della poetessa francese Laure Gauthier », 2.Februar 2018 dans « Il Popolo Veneto »
Siehe die Webseite Il Popolo Veneto

Dominique Boudou, le 21. November 2016
Siehe das Blog von Dominique Boudou

Pascal Boulanger, 11. Oktober 2015, Sitaudis.

Auszug « Diese klare Schreibweise, ohne Schlacken und ohne ein Wort zu viel, verdichtet souverän das Negative, das sich fortan in der knappen und eindrucksvollen Sprache als auch in den Reflexionen niederschlägt. Es gelingt Laure Gauthier meisterhaft, Themen zu formulieren (gesellschaftliche und intime Körper, Sein und Nichtsein), die die mutlose Dichtung verdeckt. Schreiben bedeutet für sie die Tat-Beobachtung, das Hinausspringen aus der Totschlägerreihe (Kafka) und über den Blick des Exilanten dringen das Rumoren und die Schwächen der Gesellschaftsstruktur zu uns. Diese ist nur ein Collage und Wiederholungsverfahren, mit der sich der festklebende Gedankengang abfindet. Nun, ein Seufzer inmitten der Stille, etwas Unsagbares gleitet ab in die Sensationsmeldung: das Symptom des Bösen selbst und der verdeckten Feindschaften, die im Geschichtentrichter ertönen ».
Siehe die Webseite SITAUDIS

Thibault Comte, « La fraîcheur d’un souffle. A partir de la Cité dolente de Laure Gauthier » (Ein frischer Wind. Über Cité dolente von Laure Gauthier), in : Revue Regain, 8. Oktober 2015

Auszug : «Es ist an uns, uns zu den anderen und zu den Wörtern zu gesellen, „Enteignet. Frei“ zu sein, eins zu werden mit dieser unvorstellbaren Welt, deren Bild wir dennoch empfangen, durch das Prisma einer sanften Gewalt – einer gewaltsamen Sanftmut. Und wenn die Sprache, der Textkörper, so fragil ist, dann deshalb, weil die Hoffnung des Tages in der Schreibweise der Nacht schweigend ruht in der Wortfalte, im Satzkleid, in der Seitenhaut.»

Laurent Cassagnau, « La cité dolente », Revue Europe (93. Jahr, n° 1038, Okt. 2015), S. 318-320.

Auszug : « Laure Gauthier vertritt anders als Michel Leiris die Position, dass sich ein Schriftsteller mit seinem Werk keineswegs von „einem Stier auf die spitzen Hörner“ nehmen muss, damit er „die eitlen Ballerinenreize“ vermeidet (De la littérature considérée comme tauromachie – Die Literatur als Stierkampf). Einem Stier wäre es nicht eingefallen, einen Ochsen in eine Waschmaschine zu stecken oder in einen Schrank einzusperren, wenn er denn fähig wäre, einen zu zimmern. In La Cité dolente versetzt der Stier einem Schriftsteller-Torero keine Stöße mit den Hörnern. Wie das fettleibige Kind, in dessen Körper der Vater „einen Hagel von Banderillas treibt, Kakaopulver und Sternplätzchen mit Zuckerguss“, wie das kleine Mädchen, das mit Stricknadelstößen gequält wird, ist er eine gepeinigte „Ballerina“, gefangen in seinem Schweigen. Und Laure Gauthier findet Gefallen daran, von einer Welt zu träumen,, in der es keine Lichtungen, blutgetränkt von Opferstieren und geschändeten Kindern, und keine Waldränder mehr gibt, an denen unvorstellbare Massen von Untoten verbrannt werden: „Den Wald zurückerobern, einen Hain anlegen,/ Und der Stier zieht vorbei in der Ferne, in einem Rauschen der Blätter.“ Aber dieses „Anderswo, frei von Schmerzen“, das sich am Horizont abzeichnet mit einem freien Stier, der verschont wurde, ist eine Gegenvorstellung, ist Beatrice, die als Schrift-Führerin bei der unvermeidbaren Durchquerung der Stadt der Schmerzen fungiert. »
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Luigia Sorrentino, « la città dolente », Poesia. Blog di Luigia Sorrentino, 27. Sept. 2015
Siehe die Webseite Poesia

Bonifacio Vicenzi, « il disagio di vivere nell’opera di Laure Gauthier », blog « Su il Sogno di Orez »
Siehe die Webseite Il sognori orez

Claire Tencin, « A l’Or des minuscules », Juni 2015, für die Webseite ardemment.com
Siehe le PDF

Über das Buch

Kommentar von Laure Gauthier zu « La cité dolente »für den literarischen Blog von Luigia Sorrentino (auf Italienisch erschienen)

La Cité dolente ist ein extremer Text. Doch ich nehme die Welt als eine Welt wahr, die die antipoetischen Tendenzen ins Extreme treibt. Die gewalttätigen Übergriffe, unter denen schon Kaspar Hauser und Woyzeck litten, haben sich aufgebläht wie Ballons und zu Karikaturen verzerrt, so extrem und tragikomisch sind sie, Symptome des Aufgeblähtseins, die ich in meiner Dichtung zum Platzen bringen möchte. Die Bedrohung hat ihre Verfahrenswege geändert und die kämpfende Stimme hat einen neuen Klang.

Meine ganz unterschiedlichen Texte, marie weiss rot / marie blanc rouge (Delatour, 2013), La cité dolente (Chatelet-Voltaire, 2015) oder kaspar de pierre (erscheint 2016 bei La lettre volée,) zeigen Bilder vom der Grablegung des Poetischen und dem Auslöschen der Stimme. Allerdings bricht wie auf den Gemälden von Pierre Soulages unter dem Schwarz das Licht hervor. In Cité dolente besteht die Hölle dort, wo der Mensch unter Zuckerguss und substanzlosen Bildern begraben ist. Es sind dies stereotype Bilder von Seerosen, ohne Wurzeln, die das Innerste preisgeben. Oder es sind Sensationsmeldungen und Schlagzeilen, die der Leser schaudern genießt, wie zu der Zeit, als noch öffentlich gerädert wurde, diese allgegenwärtigen Sensationsmeldungen, die die Syntax zu Superlativen gefrieren lässt.

In La cité dolente gibt es so etwas wie einen Anstoß, ähnlich dem Aufbruch des Erzählers im Dekameron, der vor der Pest flieht. Der Plot des Textes, der sich zwischen Prosa und Poesie bewegt, ist auf ein Minimum reduziert – ein alter Mann, ein ehemaliger Opernsänger, zieht sich aus freien Stücken in ein Altersheim in einem fremden Land zurück. Der Text besteht aus acht Gesängen, in denen die Figur seine Verzweiflung gegenüber der Welt, die er hinter verschlossenen Fenster, im Speisesaal oder auf einem der Gänge des Pflegeheims beobachtet, zum Ausdruck bringt. Um den Bildern der Stadt zu entfliehen, lebt er zurückgezogen und versucht den Sinn seiner Biographie zwischen den Bildern seiner Vergangenheit und denen des Todes, den er gedanklich vorwegnimmt, freizulegen. Die Grenzen der Sprache sind auch die der Vernunft. Aber die Wucht der Medien, Sensationsfotos, Geschichten von gefolterten Kindern bedrohen die Abschottung des „Gefangenen“, der sich selbst eingeliefert hat.

Man wandelt nicht verzaubert von einem Gesang zum nächsten, vielmehr konfrontiert uns der prosaische Faden mit dem Thema der Verzweiflung selbst. Die Aufgabe des Lesers ist es, den Schlamm in Gold zu verwandeln und das Licht unter dem prosaischen Schwarz durchscheinen zu lassen. Ich bin definitiv gegen eine Poesie für den GEDICHTBAND. Ich verfasse diesen Text wie alle meine Texte in der Auseinandersetzung mit dem Prosaischen. Die poetische Stimme ist stets deutlich vernehmbar. Es gibt folglich keine poetischen Wörter durchgehend auf ein oder zwei Seiten, kein sprachliches Perlencollier. Stattdessen taucht als Kontrapunkt inmitten des Entsetzens oder des Schlamms der Zauber verzückter Augenblicke auf, die Erinnerung an eine Berührung etwa.

Die innere Stimme des anonymen Erzählers wird durch die Gefahren der Schlagzeilen und die Reduktion der Gesellschaft auf Sensationsmeldungen immer wieder bedroht in seinem Atem, seiner Syntax und seiner Typografie. Der Titel ist dem Eingangsvers von Gesang III aus Dantes Inferno entliehen (Tor und Vorhof der Hölle): „Per me si va nella città dolente“ / „Durch mich geht man hinein zur Stadt der Schmerzen“. Ich habe den Sturz in die Höllenkreise poetisch umgearbeitet. Jeder Gesang ist als eigenständiger Kreis mit seinen semantischen, rhythmischen und metaphorischen Netzen konzipiert, die sich drehen, durchdringen und sich fortpflanzen wie musikalische Sequenzen. Doch jeder Zirkelgesang verweist auf andere und der letzte auf den ersten. So stürzt man in die Tiefe, ohne zu wissen, ob man in die Dunkelheit oder ins Licht fällt. Man verharrt auf der Schwelle. Einer Infer-nierung. Man bleibt stehen auf dem Haltepunkt zwischen Äußerem und Innerem. Es gibt weder Hölle noch Paradies, nur eine ewige Schwelle. Im V. Gesang wird ein einziges Mal der Gesang III zitiert. An dieser Stelle dringen die erfundenen oder poetisch überarbeiteten Sensationsmeldungen in die Seite und in den Geist ein und verkünden das Ende des lyrischen Ichs wie auch seine Begegnung mit misshandelten Unbekannten, nicht mit den großen Namen der Mythologie und der Geschichte.

Auch wenn sich dieser Dialogtext auf eine mehr oder weniger untergründige Art und Weise auf die italienische Literatur, auf Boccaccio und Dante bezieht, reflektiert er vor allem die menschliche Natur und die Gewalt vieler Bilder, insbesondere das eindringliche des Toreros, der sich noch einmal dem Stier zukehrt. Im Gegensatz zu Michel Leiris in „La littérature comme tauromachie“ (=Die Literatur als Stierkampf) geht es um die Würde der „Ballerina“, des allerletzten Blicks des Kindes, das in die Waschmaschine gesteckt wurde (noch einmal eine Kreisbewegung der „Infer-nierung“), ein inneres Foto, das nie entwickelt wurde, voller Zuneigung. Es ist eine Poesie der Brüchigkeit, des unvermittelt Animalischen ohne das kriegerische Schauspiel, das vorgab, an den Mythos anzuknüpfen, triumphierend. Eine prosaische Poesie, die unter dem Schwarz die Pracht hervorscheinen lässt. Dazu kommt der Humor, der die Zeichen auf den Kopf stellt und dem Leser in den beklemmendsten Momenten eine Atempause gönnt.
Erschienen auf dem Blog von Luigia Sorrentino

Übersetzung

Chant 5. Übersetzt von Jean-François Lattarico, Poesia.
Erschienen auf dem Blog von Luigia Sorrentino