nun hab’ ich nichts mehr

Das Stück

Pour soprano, clarinette, guitare électrique, piano et accordéon.

Texte de Laure Gauthier
Musique de Fabien Lévy

Pour la musique : Ricordi Verlag (Sy. 4488)
Pour le texte : Revue Babel heureuse, Editions Gwen Catala (Février 2017)

Première allemande
5 février 2017, 15:00
Festival Eclat
Stuttgart, Germany
Ensemble Ascolta

Première mondiale
13 octobre 2016 20:30
Teatro Farnese
Parma

Silvia Frigato (Soprane), Ensemble Ex Novo sous la direction de Tonino Battista
Une commande du festival Verdi, Teatro Regio di Parma, Italie

Hier geht es zur „Schiller Gala“ auf der le site du Festival Verdi

© Fabien Lévy

Über das Stück

Als Fabien Lévy mir vorschlägt, ein Gedicht für das Verdi-Festival mit Bezug auf Friedrich Schiller zu schreiben, beschließe ich, kein Gedicht als Ausgangspunkt zu nehmen, sondern eines der Theaterstücke des deutschen Dramatikers. Denn ich finde poetische Zugänge eher in seinem dramatischen Werk als in seinen Gedichten.

Der Gedichttitel „Nun hab‘ ich nichts mehr“ ist ein Ausspruch der Königin Maria Stuart in dem gleichnamigen Theaterstück von Schiller. Sie tut ihn in dem Moment, in dem sie in das Todesurteil einwilligt und sich von ihren Gütern lossagt (V, 9). Durch die Annahme ihres Todes und ihres Schicksals erlangt sie für Schiller Anmut und Würde (vergleiche seine poetische Schrift „Über Anmut und Würde“) und bewahrt zugleich ihre innere Freiheit.

Ich habe mir die Frage gestellt, was in der zeitgenössischen Dichtung von diesem Erhabenen Schillers beibehalten werden kann beziehungsweise was in der Spätmoderne zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Anfängen der Moderne übrig geblieben ist. Mein Gedicht ist folglich ein Anerbieten an Schiller, eine Frage an seine Ästhetik. Allerdings habe ich zu keiner Zeit versucht, Schiller zu imitieren und die historische und ästhetische Situation zu vergessen, von der aus ich schreibe.

Ich habe die Abschiedsszene der Königin Maria Stuart übernommen und dabei die Frage der Religion ausgeklammert. Die Anspielungen auf das Jenseits und die Gegenwart von Christus sind also ausgespart. Lediglich ein einziger Anstoß ist bewahrt: der Verzicht auf irdische Güter als ein Mittel, um die innere Freiheit und die „Souveränität“ zu erlangen, von der mein Text am Ende spricht. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns in einer anderen Phase der Moderne befinden. Schiller hatte den Aufbruch der Moderne vorweggenommen, die durch den Verlust charakterisiert wird. Bei ihm war es der Verlust des Erhabenen, das er mit Anklängen an Hölderlin in dem Gedicht „Die Götter Griechenlands“ thematisiert. Falsch wäre es, in der Gesellschaft von heute, die vom Waren- und Bilderkonsum besessen ist, vom übersteigerten Gesundheitsbewusstsein und der Oberflächlichkeit wie der Selbstvermessung, anzunehmen, dass wir es noch mit der Sprache und den gleichen Begriffen wie um 1800 zu tun hätten. Ich habe den Schwerpunkt des Gedichts auf die Mittellosigkeit, das Bejahen der Abwesenheit und die Frage nach dem Blick als Spannungsmoment zwischen Innerem und Äußerem verlagert. Das Thema des Erhabenen wird ersetzt durch die Frage nach dem Blick in der Kunst.

Die ikonische Kraft griechischer Statuen besteht durchaus. Auch wenn das Erhabene nicht mehr existiert, bleibt doch die souveräne Kraft dessen, was uns entgleitet, und der Anblick dessen, was abwesend ist, und die Ausdruckskraft der leeren Augäpfel auf den bronzenen Gesichtern, der Hals und der verlorengegangene Kopf der Aphrodite von Knidos oder die abgeschlagenen Füße, die der Zeusstatue fehlen. Was unsere „Souveränität“ ausmacht (was für mich von der inneren Freiheit der Schiller’schen Königin Maria Stuart bleibt), ist nicht mehr nur unser betrachtendes Verweilen vor der Schönheit der griechischen Statuen, sondern ihr Blick oder, um mit Didi-Huberman zu sprechen, „das, was uns ansieht“. Das, was wir nicht besitzen, was nicht Oberfläche ist, sondern eine tiefgehende Abwesenheit, die etwas anderes darstellt, das Andere der Kunst.

Ich habe die Situation einer Frau genommen, hier kaum erkennbar, denn ein Gedicht erzählt nicht, es deutet nur an. Man ahnt, dass sie sterben wird, ihr fehlt das Haar, sie betrachtet die Statuen aus Bronze und aus griechischem Marmor, wie sie selbst ohne Haare.

Auf der rechten Seite befindet sich alles, was ihr seelisches und körperliches Leid ausmacht. Es ist dem Grün zugeordnet, der Leber (in Anspielung auf Prometheus, auf die ägyptische Kunst und auf Osiris). Links, in der Betrachtung der „grünen“ Bronzefiguren, der Verwandlungseffekt. Nach und nach gewinnt die „linke Seite“ die Oberhand. Spannung zwischen den beiden herrscht in der Seitenmitte.

Der Textkörper gerät in Drehung, dann der Ausgleich zwischen einer leeren Mitte, einem Abgrund des Leidens, und dem, was die Betrachtung der Bronzestatuen schenkt, die auf sie blicken. Einander begegnende Blicke. Und das Werk spielt sich ab in der Mitte zwischen der rechten und der linken Seite.

J’ai repris certaines situations de la scène de Marie Stuart comme le renoncement à l’amour. Mais tout est déplacé et ne se joue pas théâtralement mais dans la langue, il n’est plus question que de regards. L’opposition intérieur et extérieure ne trouve pas de réponse dans une opposition entre la mort ici-bas et la liberté au-delà comme chez Schiller, mais dans l’opposition entre l’absence apparente de regards d’une statue et la densité de ce qui, dans ces corps de bronze, nous regarde. Rilke avait évoqué dans un poème sur le Torse d’Apollon cette présence de la statuaire. Ici c’est le jeu entre la surface et le plein (peau de bronze ou de marbre, intérieur vide / femme au corps malade, intérieur plein), entre l’absence et la présence, entre les yeux vides qui la regardent et les yeux pleins de la femme qui bientôt ne seront plus.

Alles, was ich schreibe, thematisiert den Verzicht auf das Bedauern der Abwesenheit wie auch das Drama le terme des lamentations – „Ausdruck und Ende der Lamentatio“ – in vier Gesängen, das ich für den Komponisten Gérard Pape schreibe. Die Spannung zwischen einer Poetik der Anwesenheit und der Abwesenheit soll aufrechterhalten werden. Auch wenn das verweilende Betrachten vor der Schönheit der griechischen Antike und das Thema der inneren Freiheit in Anlehnung an Schiller beibehalten werden, so schreibt dieses Gedicht doch meine anderen Texte fort.

Durch sein Spiel mit der Farbe, mit der Spannung, mit dem Rhythmus, dem Schweigen und dem Wort eilt es hin zur Musik.