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kaspar de pierre

Das Buch

Erscheinungsjahr 2017 beim Verlag La Lettre volée (collection Poiesis)

Die Geschichte des Findlings Kaspar Hauser ist zu einem modernen Mythos geworden, der immer wieder neue Bearbeitungen erfährt. In kaspar de pierre spricht kaspar von sich in der dritten Person, in einer erfundenen Tonalität auf der Bandbreite zwischen dem Ich und dem Es; er verwendet alle Tempora; er kommt nicht in Nürnberg an, sondern man findet ihn auf dem Weg zu dieser Stadt, er malt sich aus, wie er bei seiner Ankunft von Gönnern in deren Häusern (Haus 1, Haus 2, Haus 3) aufgenommen wird, man hört ihn vor jedem neuen Einschnitt (Trennung 1, Trennung 2) und man liest Diagnosen, die die Gesellschaft ihm stellen könnte (Diagnose 1, Diagnose 2) – hat kaspar eine bipolare Störung? Der Findling wirft einen Blick zurück auf seine Ausgangshöhle und gleichzeitig antizipiert er seine poetische Überhöhung; er weigert sich, „der Entkommene mit dem reinen Herzen“ (Françoise Dolto) oder der „arme Gaspard“ (Verlaine) zu sein: er ist ein misshandeltes Kind, ein Kind, das man eingekerkert hatte mit einer wilden und ohnmächtigen Sprache, die gegenüber den Kategorisierungen, der Neugier und bei den hintereinander folgenden Trennungen explodiert. Er stellt einen Misshandlungsfall dar, den man nicht in Verse fassen kann, und zugleich einen der ersten Fälle von Sensationsmeldungen, die die Neugier des bürgerlichen Europas auf sich gezogen hat.

Kaspar Hauser

Über das Buch

Auszug

MARSCH 1

bin gelaufen, herbstnackt, zu den niedrigen Häusern

mit der Schwerfälligkeit des Kieses
und meinen Sohlen aus Haut

Dieser Weg ins Ungewisse

der zerspringt in ranzige Geräusche
nicht einmal vertraute Ranken, noch das Wort dafür, habe versteckt, also
mein Gesicht in der Erde,
beruhigt von der weichen Scholle, ihrem Geruch

Und was mache ich mit dem Labyrinth der Luft?

Ess blääht die Lunge, kennt nur das Kreisen,
Hingestreckt zur Welt habe dort zur Sonne geschielt und bin weiter getorkelt, blank von den Leerstellen und
ohne Fragen

Und nie in mir ein Schrei, kein Erstaunen, weder ein Strich noch ein Punkt,
Meine Zehen krallen sich fest an den unbekannten Schollen

IEr läufffft, ein Stumpf, hin zum Feld immer wieder mit diesen Sonnen-
blumen
Verlorene Tränen, die unter dem Kinn ersticken könnten,
wenn ich einen Kropf hätte!

Mein Kopf ist der Magen eines Huhns,
jedes Bild, das kommt, muss ich verdauen und zerschmelzen

drinnen in der Hosentasche
dumpfe Beredsamkeit eines Kopfes voller Luft und Lärm von Brüchen,
im Rhythmus der Bilder
die anhalten, aus Glas, in mir,
Doch warum erzählt die Chronik nicht, dass    mich verloren habe im Gelb?
Und dass nun das Knie gesetzt vor der ersten Blume?

Laure Gauthier, deutsche Übersetzung Annette Eichinger