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Biografie

Laure Gauthier ist Schriftstellerin und Essayistin. Sie wurde1972 in Courbevoie bei Paris geboren und lebt heute in Paris.

Nach dem Studium der deutschen Literatur an der Pariser Sorbonne und der Universität Hamburg promoviert Laure Gauthier 2003 über die Anfänge der Oper in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert. Sie veröffentlicht zahlreiche Artikel, ist Mitherausgeberin von fünf Sammelbänden und verfasst eine Monographie über die erste ständige deutschsprachige Oper (L’opéra à Hambourg. Naissance d’un genre, essor d’une ville, PUPS, 2010). Ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen behandeln insbesondere die Verbindungen zwischen Musik und Text (vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart), die Musikphilosophie der Moderne und der Gegenwart und die Intermedialität, die Verknüpfungen zwischen Ton, Bild und Wort. Sie schreibt außerdem Beiträge für die Zeitschrift „Vacarme“ und für die Website zur zeitgenössischen Literatur sitaudis.fr.

In ihren poetischen Texten will Laure Gauthier die Sprache aus ihren Angeln heben, sie aus der Verankerung lösen. In ihnen treten die Brüchigkeit und die Durchsichtigkeit des Menschen in Spannung mit den Obsessionen der Gesellschaft: der Gewalt, dem Ersticken der poetischen Sprache, dem Preisgeben des Privaten insbesondere durch Fotografien und Sensationsmeldungen, der Fixierung auf die Herkunft und dem Exotismus. Poesie ist im höchsten Maße zerbrechlich und sollte nicht „gesammelt“ werden, doch gerade in ihrer maximalen Zurschaustellung erscheint ihre Kraft. So schreibt Laure Gauthier auch keine Gedichte für Gedichtbände, sondern poetische Erzählungen, in denen die Sprache durch das Eindringen des Prosaischen bedroht ist (La cité dolente), Dialoge und Regieanweisungen (marie weiss rot / marie blanc rouge) oder wahre oder falsche Sensationsmeldungen und Schlagzeilen (kaspar de pierre; je neige).

In ihrem ersten Werk marie weiss rot / marie blanc rouge (Delatour-France, 2013), auf Deutsch verfasst und anschließend von Laurent Cassagnau gemeinsam mit der Autorin ins Französische übersetzt, hinterfragt Laure Gauthier den poetischen Raum zwischen den Sprachen. Sie dekonstruiert die Gegensätze zwischen den Gattungen, um eine musikalische Sprache in einem neuen Tempo zu schaffen, die in der Banalität des Alltags ihren Ausgang nimmt. In marie weiss rot / marie blanc rouge droht die Stimme von marie zu ersticken, es entsteht eine „Lawinensprache“ zwischen den Sprachen, ohne Land, eine „Flurpoesie“. In La cité dolente (Chatelet-Voltaire 2015) lösen die Bilder der Gewalt, die die Medien verbreiten, die Sprache des Erzählers auf und treiben sie in die Enge. 2017 erscheint bei La lettre volée kaspar de pierre, eine kinästhetische Ballade nach der Geschichte von Kaspar Hauser. Die drei Texte bilden eine „Trilogie der Transparenz“. Die jüngsten Arbeiten von Laure Gauthier umfassen Je neige (entre les mots de villon) / ich schneie (zwischen den worten von villon) (erscheint 2018 bei La lettre volée), einen poetischen Text für vier Stimmen, der einen Perspektivenwechsel, („je neige“/ ich schneie) vollzieht, sowie einen Essay über die Schreiblust von François Villon (entre les mots de villon/ zwischen den worten von villon).

Die dichterische Arbeit vollzieht sich in einem Zusammenspiel mit Komponisten und Komponistinnen. Laure Gauthier schreibt nach einer inneren Musik von Grund auf poetische Texte, die veröffentlicht werden und die sie anschließend in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten und Komponistinnen zum Libretto für die Bühne umarbeitet. So entsteht das, was die deutsche Dichterin Nelly Sachs szenische Dichtungen nannte. Diese Arbeit der gegenseitigen Befruchtung erzeugt Texte nach den Prinzipien der Dichte, der Länge, des Rhythmus, des Klanges, des Schweigens oder aber des gegenseitigen Durchdringens. Man arbeitet „gegen die Musik“, ringt mit ihr mit dem Rücken zur Wand und in Widerspruch zu ihr, um sie nicht zu wiederholen. Nun hab‘ ich nichts mehr (Teatro Regio di Parma, Verdi-Festival, Uraufführung am 13. Oktober 2016) ist ein Stück für Sopran, Klarinette, Akkordeon, Klavier und Elektrogitarre, komponiert von Fabien Lévy. Back into Nothingness dagegen ist ein (überwiegend gesprochenes) Monodrama für Sopranistin, Chor und elektronische Musik, komponiert von Nuria Gimenez-Comas (Grame cncm, Spirito, Ircam, Festival Archipel 2018).